Entscheidung

Kaiserslautern | Neubauten LASE & LPME an der Technischen Universität

Beschränkter Wettbewerb mit offenem, vorgeschaltetem Bewerbungsverfahren
Ausgelobte Summe: ca. 220.000,00 € (brutto) (jedes der beiden Kunstwerke)

Der Doppel-Kunst und Bau-Wettbewerb in Kaiserslautern an den beiden Forschungsneubauten LASE und LPME auf dem Campus der Technischen Universität Kaiserslautern (TUK) wurde entschieden.

Anlass und Ziel:
Das Land Rheinland-Pfalz, vertreten durch den Landesbetrieb Liegenschaft- und Baubetreuung, Niederlassung Kaiserslautern, lobte einen Kunst am Bau-Wettbewerb für die beiden vom Bund ko-finanzierten Forschungsneubauten des Laboratory for Advanced Spin Engineering (LASE) sowie des Laboratory for Ultra-Precision and Micro Engineering (LPME) an der Technischen Universität Kaiserslautern aus.
Nicht nur in Hinsicht ihrer Forschungsthemen, sondern auch in der architektonischen Außenwirkung ergänzen sich beide Gebäude auf interessante Weise und setzen sich zugleich dezent voneinander ab: das östlich gelegene LASE-Gebäude zeigt sich in einer Fassade aus Sichtbeton, während die Gebäudehülle des LPME mit verzinktem Stahlblech verkleidet wird. Langgezogene, durchlaufende Fensterbänder und der Rhythmus alternierender Gebäudehöhen geben dem Ensemble dagegen einen vereinend wirkenden Rahmen; es handelt sich architektonisch um „ein Thema mit Variationen“.
Das LASE öffnet sich in Richtung Osten vom verglasten Eingangsfoyer in einen parkähnlichen Freibereich. Die Erschließung der drei Ebenen erfolgt über eine repräsentative, einläufige Treppe. Das Foyer setzt sich transparent in den anschließenden Konferenzraum und bis in den innenliegenden Lichthof fort; dieser Blickachse entsprechend, schlagen die mit dem Projekt betrauten Architekten als Ort für das Kunstwerk die Aufenthaltsfläche im Foyer sowie die vorgelagerte Freifläche vor.
Das geplante LPME-Gebäude öffnet sich konsequent nach Westen, von wo es über einen offenen, bepflanzten Vorplatz erschlossen wird. Die verglaste Eingangsfassade wird vom darüber liegenden Geschoss auf drei Meter Breite schützend überragt. Im Innern gewährleistet eine Freitreppe in einem luftigen 2-geschossigen Foyers die vertikale Erschließung.

Verfahren:
Beschränkter Kunst am Bau-Wettbewerb mit vorgeschaltetem, europaweit-offenen Bewerberverfahren

Eingeladene Künstlerinnen und Künstler:
• Eva Beierheimer (LASE) + Miriam Laussegger (LPME)
• Keiji Kawashima (LASE) + Masayuki Akiyoshi (LPME)
• Camill Leberer (LASE) + Ulrich Bernhard (LPME)
• Nino Maaskola (LASE) + Jörg Gelbke (LPME)
• Henriette Olbertz-Weinfurter (LASE) + Maria-Magdalena Renker (LPME)
• Rolf Poellet (LASE) + Edwin Schäfer (LPME)
• Jean-Philippe Poirée-Ville (LASE) + Atelier Lönne & Neumann (LPME)
• Birgit Schuh (LASE) + Patricia Westerholz (LPME)
• Stefan Sous (LASE) + Thomas Stricker (LPME)
• AG Katharina Stark & Andreas Köppe (LASE) + AG Christine Bergmann & Thomas Meyer (LPME)
• Veronika Spierenburg (LASE) + Navid Tschopp (LPME)

Wettbewerbsaufgabe (Auszug):
Für beide Stirnseiten der Neubauten sollen Kunstwerke geschaffen werden, die das „Thema mit Variationen“ bespielen und die Wegeverbindungen adäquat begleiten, akzentuieren und städtebaulich hervorheben.
Der Auslober wünschte sich eine Bezugnahme auf die Forschungsschwerpunkte der beiden Institute diese muss nicht erzählend sein, sondern kann auch atmosphärisch-assoziativ geschehen. Gewünscht werden sowohl eine Wirkung nach innen, in Bezug auf das jeweils gewählte der beiden Laborgebäude, seine Funktionen und seine Nutzer, als auch überörtlich nach außen hin, in Bezug auf die Lage am nördlichen, dem Wald zugewandten Rand des Universitäts-Campus.
Beide Forschungseinrichtungen setzen eigenständige Schwerpunkte, die Betonung eines fachübergreifenden Austausches ist jedoch elementarer Bestandteil der Funktionskonzepte beider Institute. Analog dazu soll auch bei den Kunstwerken jeweils eine eigene künstlerische Position mit wahrnehmbar eigener Identität ablesbar sein, gleichwohl sollte aus der Wechselwirkung der beiden Werke miteinander ein erkennbares Ganzes entstehen, das miteinander in Korrespondenz tritt, sich gegenseitig ergänzt und bereichert.
Daher wurden explizit Künstlerinnen/Künstler/Künstlergruppen aufgefordert, die sich bereits im Vorfeld als Zweierteam zusammengefunden hatten, wobei sich jeder der Teampartner eigenständig der Bearbeitung einer der Teilaufgaben ‚LASE‘ oder ‚LPME‘ widmete.
Entsprechend der Anforderung, dass die Kunstwerke eine Verbindung von Innen- und Außenraum schaffen sollen, wurden seitens des Auslobers vorzugsweise plastische Arbeiten gewünscht, die auch eine gewisse weiträumliche Wirkung erzielen.

Entscheidung Preisgericht:
Das Preisgericht war wie folgt zusammengesetzt:
Fachseite:
• Sabine Groß, Ministerium der Finanzen Rheinland-Pfalz; Juryvorsitzende
• Dr. Justus Jonas, in Vertretung für Ariane Fellbach-Stein, Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur Rheinland-Pfalz
• Prof. Franz Kluge, Künstlerische Vertretung des Ministerium der Finanzen Rheinland- Pfalz (in Vertretung für Prof. Heike Kern)
• Hans Otto Lohrengel, Vertreter des Berufsverbandes Bildender Künstler Rheinland-Pfalz
• Katja von Puttkamer, Künstlerische Vertretung Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur Rheinland-Pfalz
Sachseite:
• Reiner Becker, Entwurfsverfasser LASE
• Norbert Höbel, Landesbetrieb Liegenschafts- und Baubetreuung, Niederlassung Kaiserslautern
• Stefan Lorenz, Kanzler Technische Universität Kaiserslautern
• Maryse Parr, in Vertretung für Albert Urig, Entwurfsverfasser LPME

Das Preisgericht entschied sich in drei Rundgängen für die nachfolgenden drei Preise, mit der Empfehlung, den ersten Preis mit der Ausführung der künstlerischen Werke zu beauftragen.

 
1.Preis:

Künstlername Camill Leberer, (LASE) & Ulrich Bernhardt, (LPME), Stuttgart
Titel Fröhliche Wissenschaft

Begründung der Jury:
Die beiden Entwürfe der Gewinnerarbeit überzeugte das Preisgericht durch ihre in skulpturaler wie fassadengestalterischer Charakteristik konsequent spielerisch-leichten Haltung.
Ausgangspunkt hierzu bieten zwei für den Außenbereich vor LASE konzipierten, monumentalen Kreisel; diese, beziehungsweise ihre zeichnerischen Strukturen, bestimmen die auf die Glasfassade von LPME übertragene, malerisch-grafische Gestaltung, die in assoziativer Weise auf die Funktion des Gebäudes Bezug nimmt. Hierbei greift die monumentale plastische Form mit der Struktur ihrer zeichnerischen Bewegung ineinander und ergänzt sich wechselseitig.
Die Glasfassade wird damit als Membran zwischen innen und außen thematisiert, wobei sich gleichzeitig Realität und Reflexionsprozesse ineinander verschieben. Insbesondere die metaphorische Hervorhebung des Themas ‚Spielen’ vor dem architektonischen Kontext zweier Institutsbauten weckt Assoziationen, die mit dem Thema ‚Forschung‘ in bemerkenswerter Weise korrelieren und verleiht den Werken ihre Überzeugungskraft.

Konzeptidee vom Künstlerteam:
Fröhliche Wissenschaft - kommunikative Membrane in/und spielerische Bewegungen
Im Diskurs haben wir uns gegenseitig angeregt und spielerisch unsere verschiedenen künstlerischen Ansätze erweitert und Stilelemente in jeweils einem anderen Kontext ausgetauscht.
Die Glasarbeiten von LASE holen die plastischen Kreisel gleichsam als spielerische Projektion in den Innenraum und übernehmen den Charakter der Membran in veränderter abstrakter Form. Gleichfalls erscheinen die Kreiselbewegungen als abstrakte kosmische Spuren der Fensterkomposition von LPME.
Die durchscheinenden Spiegelzeichen verbinden beide Kunstwerke in einem Projektions- und Reflektionsprozess. Kunstwerk LASE Ausgehend von der Vorstellung, dass ein Spin die Rotation eines Elektrons um die eigene Achse ist, habe ich versucht dieses Phänomen in eine skulpturale Wirklichkeit zu übersetzen.
Diese Rotation wird im spielerischen Sinne visualisiert um damit eine plastische Methapher für den Spin zu realisieren. Als naheliegende Form erschien mir hierfür der Kreisel, da hierbei assoziativ eine Rotation um die eigene Achse erkannt wird. Zwei monumentale Kreisel nähern sich dem Gebäude auf tänzerische und spielerische Weise. homo ludens Das Phänomen des Tänzerischen verweist auf den philosophischen Terminus des „homo ludens", des im freien Spiel schöpferischen Menschen, welcher als Metapher und Urform des Wissenschaftlichen verstanden werden kann, da dem Spiel ein Verstehen und mithin ein Erforschen der äußeren Wirklichkeit zu Grunde liegt. Im Spiel entwickeln sich Innovationen nicht durch Suchen, sondern im Finden von Lösungen. Die innere Wirklichkeit ist beim Spiel ein notwendiger Reflexionsgrund. Dadurch wird im Spiel die Persönlichkeit zur Membran im Verständnis von innerer und äußerer Wirklichkeit. Selbstreflexion und das Verständnis der Projektion des Eigenen (Sprache, Begriffe) auf das Äußere (Versuchsanordnung) ist eine fundamentale Voraussetzung für die Objektivierung und somit für das wissenschaftliche Denken. Man könnte vom homo ludens als einer Grundierung von Erkenntnis sprechen. Ein rotierender Kreisel beschreibt bei einer so genannten Präzision ein bestimmtes graphisches Muster (siehe Vergleichsabbildungen).
Dieses bildet ein breites Assoziationsspektrum, das von biologischen, urweltlichen Gebilden bis zu kosmischen Wurmlöchern reicht. Diese Möglichkeiten werden auch formal in zwei Installationen im Foyer ausformuliert.
Beide Glasarbeiten holen die plastischen Kreisel gleichsam als spielerische Projektion in den Innenraum und unterstützen den Membran-Charakter der Gebäude. Kunstwerk LPME Dimensionen in Bewegung Unsere Raumvorstellung gliedert sich in Dimensionen.
Wir begreifen was wir mit unseren Sinnenwahrnehmen und denken was wir kombinieren können. Wird die Wahrnehmung mit nanotechnischen Mitteln erweitert, so verändern diese die Erkenntnis der Dimensionen und den damit verbunden physikalischen Eigenschaften um den Mikro- und Makrobereich. Deren Grenzen werden im ständigen Fortschreiten von Forschung und Wissenschaft durchbrochen. Wenn man Dimensionen mit Freiheitsgraden in der Bewegung beschreibt, so können deren Grenzen als Membrane verstanden werden. Ohne diese feinen Schichten der Begrenzung der Innenwelt und Öffnung zur Kommunikation mit der Aussenwelt wäre kein Leben möglich. In unserer Biosphäre ist jede Zelle von einer dünnen Zellmembran umschlossen. Durch sie wird kontrolliert was die Zelleaufnimmt und ausscheidet.
In der Architektur von LASE/LPME sind die Glasflächen transparente Membrane, die Innen und Aussen trennen und gleichfalls verbinden. Die großflächige dreischichtige Verglasung der Westfront von LPME öffnet sich zum Aussenraum in meinem Entwurf mit einer für die gesamte Fensterfront überspannenden Komposition mit transparenter Glaskunst. Die Schichtung der bearbeiteten Gläser, akzentuiert in verschiedenen Ebenen, erzeugt einen Assoziationsraum zum Thema Membrane und Bewegung durch Bilder aus der Mikrowelt mit Techniken der Glasgestaltung: das Farbspektrum des Lichts als freie Welle, die Bildzitate aus Biologie und Technik erscheinen als leicht transluzente Objekte. Dazu fügen sich Figuren der Bewegungen der Kreisel im dynamischen Spiel von Schwerkraft und Materie.
In einer weiteren Schichtung gliedern hexagonale Spiegelelemente die Fassade mit geometrischen Formen. Sie sind von innen durchsehbar und reflektieren den Aussenraum als scheinbare Grenze zum Innenraum. Gleichzeitig sind sie weit sichtbare Symbole von Gemeinschaft und Forschung.

2.Preis:

Künstlernamen Jean-Philippe Poirée-Ville, Versailles (F) (LASE) & Atelier Lönne + Neumann, Paderborn (LPME)
Titel o.T. (LPME) und SPIRINSPIR (LASE)

Begründung der Jury: Die beiden Vorschläge für eine künstlerische Ausgestaltung der beiden Forschungsneubauten des Universitätscampus in Kaiserslautern beeindruckten die Jury in beiden Fällen durch die schlüssige und überzeugende Präsentation der künstlerischen Ideen.
Die Außenskulptur ‚SPIRINSPIR’ für das LASE als In-Situ-Kreation betrachtet die Jury als einen besonderen Ansatz; die lebendige Form der doppelten Spirale bildet einen spannungsreichen Kontrast zur geometrischen Kubatur des Forschungsgebäudes.
Die künstlerische Idee für das LPME, die Glasflächen der Fassade zu einem überdimensionalen Objektträger umzugestalten, findet ebenso im Preisgericht Anklang. Beide Entwürfe thematisieren die Kräfte und Strukturen der Natur, hierüber ergibt sich eine schlüssige Beziehung beider Arbeiten zueinander. Zudem unterstreichen sie einen prozesshaften Umgang mit der Materie, welche in den beiden Forschungseinrichtungen praktiziert wird.

Konzeptidee vom Künstlerteam:
Während das Kunstwerk LASE die unsichtbaren Kräfte der Natur behandelt, macht die Arbeit LPME scheinbar unsichtbare Strukturen der Natur spielerisch sichtbar. Es handelt sich um simultan entwickelte Arbeiten für die jeweiligen Orte. Primär werden beide Arbeiten durch die Struktur des Kreises formal miteinander in Beziehung gesetzt. Die Kreisformen stehen einerseits der klaren, geradlinigen Architektur gegenüber und sind andererseits aber auch selbst Bestandteil einer strengen Formen- und Bildsprache. Siesollen neugierig machen.
Ein weiterer Aspekt betrifft die Materie, die, wie »der Mensch [...] in einem Zustande beständiger Umwandlung begriffen ist« (Paul Lafargue).
Durch das jeweilige Material und die Ausführungstechnik treten Elemente der Arbeiten je nach Lichtsituation im Jahreswechsel entweder augenfällig in Erscheinung oder verschmelzen optisch mehr oder minder mit der ihr eigenen Umgebung und lassen so auch Raum für eigene Interpretationen.
Kunstwerk LASE
Der Künstler beschäftigt sich mit dem Leben, der Natur und den unsichtbaren Energien. Es ist weniger ein wissenschaftlicher Ansatz als vielmehr ein intuitiver und künstlerischer. Die Arbeit ist eine In-situ-Kreation. Selbst bei akribischer Planung wird sie in der Gesamtheit zu einem Ereignis innerhalb des Ortes selbst – so wie eine Tänzerin den Raum fühlt, wird die Proportion und die Form der Arbeit bestimmt.
Die Arbeit »SpirinSpir« besteht aus zwei Spiralen – eine im Uhrzeigersinn und eine gegen den Uhrzeigersinn. Ringsherum windet sich ein Perlschlauch. Das Ganze ist von natürlicher Vegetation umgeben, auf der Chasmophyten (Farne, Moose und andere Pflanzen, die wenig oder gar keine Pflege benötigen) wachsen – Kreislauf des Lebens. Die Spirale ist eines der faszinierendsten Symbole aller Zeiten. Sie ist Leben und Tod. Die Spirale tanzt, lacht und weint mit uns. Sie fließt wie das Wasser des Flusses, ist manchmal marginal und manchmal kräftig und durchdringt alle Hindernisse. Die Spirale nimmt und gibt. Die Spirale ist ein uraltes Symbol – ihre Bedeutung bis heute nicht vollständig verstanden. Es wird angenommen, dass die Spirale die Reise vom inneren Leben zur äußeren Seele symbolisiert. Diese äußere Seele umfasst sowohl ihren eigenen Wissensweg als auch den Weg zu höheren Geistesformen und ist daher der Inbegriff von Wachstum, Entwicklung und Energie. Wir finden sie im Makrokosmos (z. B. in der Galaxie, Spiralnebeln oder in der Umlaufbahn von Planeten) und im Mikrokosmos (z. B. in Farnen, Schnecken, DNA, Atomen und Molekülen). Das Wasser fließt spiralförmig und der Rauch steigt spiralförmig auf. Der Wind verwandelt sich in Strudel oder Spiraltornados. Unsere Erde nimmt einen spiralförmigen Weg. Ihre Umlaufbahn bewegt sich im Kreis und landet dennoch nie am Startpunkt sondern nur in der Nähe – ein scheinbarer Kreis, der sich nie schließt.
Kunstwerk LPME
Es wird vorgeschlagen, die westliche Glasfassade des LPME Gebäudes von Erdgeschoss bis Sockelgeschoss im Sinne eines Objektträgers zwischen Außen- und Innenraum gestalterisch zu fassen.
Aus der Ferne betrachtet, weisen zwei große kreisförmige Gebilde organische Formen auf. Sie werden ideell über den Bildrand hinaus fortgesetzt gedacht. Die Gebilde werden von geometrischen Liniengefügen eines imaginären Raumgitters verknüpft und überlagert. Beim Herantreten werden sie jeweils unterschiedlich in immer feinere Inselartige Schichten zergliedert. In der Nahsicht bleiben kleine und kleinste Strukturen ablesbar –autarke Gefüge des Aufbaus und der Umwandlung – zwischen beständiger Ordnung und Unordnung, wie sie sowohl in Gesellschaftssystemen als auch in vegetabilen Mikrostrukturen sichtbar werden. Beispielgebend ist hier die rasterelektronenmikroskopische Vergrößerung des Springkraut-Blütenstaub-Pollens (Impatiens glandulifera, einer invasiven Neobiota-Art [Sing. Neobiont; von griechisch néos »neu« und bíos »Leben«], die sich auch ohne menschliches Einwirken in einem Gebiet ansiedeln kann, ohne dort zuvor heimisch gewesen zu sein).
Zuerst wurde die Bildvorlage auf einen Ausschnitt reduziert und dann dreifach geloopt. Das Resultat zeigt neugeordnete Formen mit computergenerierten Texturen, die das Licht und die Naturreflektieren.
Die narrative Struktur der Arbeit hält dabei scheinbar keine Auflösung für die Betrachterinnen und Betrachter bereit – sie werden über den Formbildungsprozess im Unklaren gelassen. Und doch bleibt eine stetige Neugier und Wissbegierde, die unser Handeln leitet und zu immer neuen Perspektiven, Antworten und Lösungsansätzen anspornt.
Die Arbeit symbolisiert einen Suchraum, der als Sinnbild an die Forschungsstelle LPME in einem weiter gefassten Sinn angelehnt ist. Durch die beiden Okulare eines fest montierten Aussichtsfernglases im Cafebereich auf der Empore können bereits vergrößert abgebildete modifizierte Strukturen auch im Innenraum ausgrößerer Entfernung genauer betrachtet werden. Das Aussichtsfernglas animiert darüber hinaus dazu, ein von Martin Handford (Where’s Waldo?, 1987) erdachtes Suchobjekt zu entdecken. Dadurch wird der Arbeit eine zusätzliche fröhliche, spielerische Note verliehen.

3.Preis:

Künstlername Stefan Sous (LASE) & Thomas Stricker (LPME), Düsseldorf
Titel ‚Spin Off‘ (LASE) und ‚VTM‘ (LPME)

Begründung der Jury:
Die Arbeiten mit den Titeln ‚Spin Off‘ und ‚VTM‘ erscheinen klassisch skulptural und dennoch zeitgenössisch. In einer signifikanten plastischen Ausformung werden Aspekte der wissenschaftlichen Arbeit interpretiert. Die Verortung als Drop Sculptures im Außenraum korrespondiert mit einer ungewohnten Formensprache: wie aus dem Nichts gefallen, zeigen sich die beiden Objekte als Botschafter aus dem unserer Wahrnehmung nicht zugänglichen Raum der wissenschaftlichen Nanowelt.
Trotz des formalen Widerspruchs zwischen der rotationssymmetrischen Form und der organisch anmutenden Struktur treten beide Figuren in einen inneren Dialog. Zudem nehmen sie in ihrer Materialität deutlichen Bezug auf das ihnen zugeordnete Gebäude.
Der künstlerische Beitrag überzeugt durch ein hohes Maß an Präzision und künstlerischer Eigenständigkeit, wie auch Treffsicherheit im Umgang mit einer komplexen Thematik.

Konzeptidee vom Künstlerteam:
Für jedes der beiden Forschungsgebäude wird jeweils eine eigenständige Außen-Skulptur neu entwickelt und ortsspezifisch gesetzt. Die Eine mit einer silbrig-grau-metallischen Oberfläche, die Andere aus alabaster-weißem Beton, gehen sie auf die Materialität der entsprechenden Fassaden der Architekturen und mit ihren individuellen Formen auf die wissenschaftlichen Institute ein.
LMPE // VTM Direkt vor der Eingangsfassade des neuen Forschungsinstituts LPME steht eine metallisch glänzende Struktur. Obwohl sich die imposante Form vor dem oberen Haupteingang, etwas eingelassen in den Bodenbelag und knapp vor der Treppenanlage ganz selbstverständlich behauptet, wirft sie doch Fragen auf: wurde der fremde Körper für wissenschaftliche Zwecke angeliefert und wartet darauf im Inneren untersucht zu werden?
Oder entspringt diese scheinbar gewachsene Form einem der neuen Forschungslaboratorien? Hat sie etwas mit dem spacigen Gebilde, welches genau so fremd im Hang vor dem LASE-Labor verortet ist, zu tun?
Wahrscheinlich ist der metallische Brocken aber vom Himmel gefallen, ein verirrter Asteroid, der scheinbar unversehrt vor dem Gebäude gelandet ist.
Aber warum gerade da? Deshalb scheint es doch wahrscheinlicher, dass das fremde Volumen auf unerklärliche Weise aus dem Nanokosmos emporwächst und sichtbar wird? Bewusst sollen all solche Fragen aufkommen und Assoziationen evoziert werden.
Der Aluminiumguss, der formal stark Bezug auf die metallische Fassade nimmt, ist gezielt auf dem Grat von Natur, Wissenschaft, Kunst und Fiktion positioniert.
Die Entstehungsgeschichte der Formensprache und die ästhetischen Entscheidungen sind präzise auf die inhaltliche und räumliche Gesamtsituation vor Ort ausgelegt. LASE // SPIN OFF Wie vom Himmel gefallen steckt im grünen Hang vor dem Foyer des LASE ein fremdartiges, spindelförmiges weißes Gebilde. Gleich zweiteilig scheint es sich mit hohem Speed um seine Achse zu drehen, wodurch sich der Eindruck der dynamischen Rotation, des Spins verstärkt. Ein unbekanntes Flugobjekt? Oder ein mutiertes Präparat einer eskalierten Versuchsanordnung, welches direkt aus einem Labor des Instituts heraus geflogen ist? Es handelt sich allerdings nicht um das Ergebnis physikalischer oder rechnerischer Erkenntnisse, sondern um eine freie und poetische Interpretation des magnetischen Phänomens des Eigendrehimpulses eines Quantenteilchens. SPIN OFF ist ein künstlerischer, ein zur Skulptur gewordener und etwas verrückter Widerhall der Forschungsarbeit des LASE.
Die Form modelliert sich aus bildhauerisch-formalen Messwerten. Ihre Dimension sprengt den Nanokosmos. Sie proportioniert Architektur und Landschaft, in der sie den Eigendrehimpuls signifikant vorführt. In ihrer zwischen Archaik und Futurismus changierenden Gestalt möchte sie bewußt aus der Zeit und aus dem Raum, aus der Wissenschaft und aus der Welt der Kausalität fallen – und vielleicht inspiriert sie die Gedanken der Mitarbeiter und Besucher es ihr für einen Moment gleich zu tun. SPIN OFF besteht, wie auch die Fassade der LASE-Architektur, aus massivem, weißem Beton, stellt aber in seiner axial rotierten Form und gekippten Lage einen spannungsvollen Kontrast zum klaren, funktionalen Baukörper her. Die Position, die Proportion, die Ausrichtung und der Kippwinkel werden durch den Verlauf der Gottlieb-Daimler Strasse und die Blickwinkel vom Park aus bestimmt. Und der Foyerbesucher schaut auf Augenhöhe – quasi auf der Flugbahn – dem Objekt hinterher.
Auf seine Perspektive sind Details wie die schwebende zentrale Achse und der abgelöste Ring ausgerichtet. So macht das großzügige Panoramafester das LASE-Foyer zum Real-Kino – und lässt für Besucher Science und Fiction Wirklichkeit werden.

 

 

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