Entscheidung

Mainz | Transfusionszentrale | Unimedizin

Offener Wettbewerb
Ausgelobte Summe: 60.000,00 € (brutto)

Anlass und Ziel:
Im Namen des Klinikums der Johannes Gutenberg-Universität Mainz lobte der Landesbetrieb Liegenschafts- und Baubetreuung, Niederlassung Mainz ein bundesweit offenes Wettbewerbsverfahren für den Neubau Transfusionszentrale Mainz aus.
Das Grundstück des Neubaus der Transfusionszentrale mit integrierter Medizinisch-Technischer Laboratoriumsassistent/innen Schule (MTAL-Schule) befindet sich im östlichen Bereich des Geländes der Universitätsmedizin Mainz in prominenter Lage nahe dem zentralen Haupteingangsgebäude zum Campus.
Die funktionale Konzeption des Gebäudes folgt dessen städtebaulicher und architektonischer Gestaltung.
Dem Prinzip der Verdichtung folgend öffnet sich das Gebäude nach Westen - hier befinden sich v.a. stärker frequentierte "öffentlichere" Bereiche, der Spenderbereich sowie die Seminarräume der MTAL-Schule und das Transplantationsimmunologielabor (Obergeschosse).
Richtung Osten schließt sich das Gebäude zunehmend und weist eher "interne", weniger stark frequentierte Bereiche auf (Lagerung, Aufbereitung, Herstellung, Verwaltung, Anlieferung).
Das Baufeld befindet sich an einer sehr zentralen und wichtigen Position am Augustusplatz. Diese Position wird in der Fassade auch präsentiert. Die geputzten kräftigen hellen Fassadenbänder und die gedeckten Fensterbänder laufen mäandernd um das Gebäude und schaffen damit eine einfache klare Geste.

Verfahren:
Das Verfahren wurde als bundesweit offenes Kunst-am-Bau-Wettbewerbsverfahren für Künstlerinnen und Künstler ausgelobt.
Teilnahmeberechtigt waren professionelle nationale Künstler/-gruppen bzw. Arbeitsgemeinschaften.

Wettbewerbsaufgabe (Auszug):
Das Gebäude stellt von seiner Lage her fast eine Art „Torbau“ zum historischen Eingangsgebäude dar. Es liegt vor der Umfriedung des Klinikgeländes und markiert den Wartebereich mit Bushaltestellen und Anfahrten. Es ist also nicht nur im Vorbeifahren sichtbar, sondern auch – für Wartende- in einem längeren Fokus. Die Fassade ist durchgestaltet, der Eingangsbereich ist über die Architektur gut markiert. Mit einer künstlerischen Außengestaltung an der Ostfassade soll ein Signet geschaffen werden, nicht nur für die Transfusionszentrale, sondern auch zum Eingangsbereich des Klinikums. Dieses soll seine Wirkung in der Ferne und in der Nähe entfalten, und für kurze und längere Betrachtung gleichermaßen attraktiv sein. Sowohl der Nutzungszweck des Gebäudes, wie in Abschnitt 2.1 beschrieben, als auch das Klinikum als Ganzes, können als thematischer Hintergrund der Gestaltung herangezogen werden. Dieser muss nicht in erzählender, bildhaft-plastischer Art seinen Ausdruck finden, sondern kann auch in atmosphärisch-assoziierender Weise erfolgen. (…)

Entscheidung Preisgericht:
Das Preisgericht tagte am 20.11.2019 in Mainz und wählte anhand von 66 fristgerechten und den entsprechenden geforderten Unterlagen in der Auslobung eingereichten Wettbewerbsarbeiten aus.
Nach sieben Rundgängen entschied das Preisgericht sich für die nachfolgenden drei Preise, mit der Empfehlung, den ersten Preis mit der Ausführung der künstlerischen Werke zu beauftragen.

1. Preis: Tarnzahl 1076

Künstlername Marcel Weber, Arbeitsgemeinschaft mit Marcel Balsen

Titel unter der Haut

Begründung der Jury:
Die Arbeit „unter der Haut“ überzeugt durch ihre skulpturale Wirkung und ihre zeitgenössische Materialität. Die organische Form setzt sich von dem geradlinigen Gebäude ab, da sie aber mit der gleichen Putzoberfläche versehen ist, verschmilzt sie mit der Wand, wächst sozusagen aus ihr heraus. So zeigt die Arbeit zwei Seiten einer Beziehung- die Spannung und die Einheit. Die Bezugnahme auf den Zweck des Gebäudes ist ablesbar, aber nicht zwingend. Die Ausdehnung der Skulptur auf die Südseite der Fassade unterstreicht den plastischen Charakter und macht sie räumlich erfahrbar. Die Arbeit zeigt, auf eine überraschend unprätentiöse Art, eine überzeugende und konsequente Ästhetik.

Künstlerische Position (Auszug):
Eine organisch anmutende Struktur erstreckt sich über die Fassade des Neubaus der Transfusionszentrale. Sie erhebt sich aus der geometrischen Form des Baukörpers, bleibt diesem jedoch in Farbe und Oberflächenbeschaffenheit treu. Steckt etwas Gewachsenes unter der Haut des Hauses? Dehnt es sich im Inneren noch weiter aus? Oder drückt sich etwas, das drinnen stattfindet, nach außen hin aus? Aus Mikroskopaufnahmen wurde ein deutlich vergrößertes prototypisches Objekt gebaut, welches an die typischen roten Blutplättchen erinnert. Dieses wird durch Repetition zur Grundlage der dargestellten Struktur einer Ansammlung. Sie tritt von den Seiten zu ihrer Mitte hin immer weiter aus der Fassade des Gebäudes heraus, so als sei etwas immer weiter gewachsen. An den Rändern erscheinen so nur einzelne kleine Elemente, im Zentrum erhebt sich die Form deutlich. Jedoch bleibt sie durch ihr Material eigentlicher Bestandteil des Gebäudes. Die Skulptur wird aus Dämmstoffplatten gefräst, verputzt und gestrichen.
So entsteht – oder bleibt – eine homogene Oberfläche oder Haut. Unter dieser wölbt es sich und erinnert dabei an das Menschliche. Mit den hier genutzten außen angebrachten Dämmplatten können theoretisch ganz neue Formen erzeugt werden, welche die rein statischen Ansprüche an eine Wand nicht zeigen müssen, sie gar verschleiern können. Wie weit lassen sich so Äußeres und Inneres voneinander entfremden? Die Arbeit zieht sich plastisch über die Ostseite auf die Nordfassade hinaus. Ähnlich einem schüchternen Winken, während man hinter einer Ecke hervorlugt, lädt sie so Passanten zu sich ein, welche sich am historischen Eingangsgebäude der Klinik befinden oder mit dem Bus über die Langenbeckstraße fahren.

2. Preis: Tarnzahl 1067

Künstlername Daniel Widrig

Titel Drop

Begründung der Jury:
Die Arbeit mit der Kennziffer 1067 überzeugt durch ihre Idee, dass Thema durch einen einzigen, kurz vor dem Fall befindlichen Tropfen aus transparentem Material umgesetzt, dass die gesamte Umgebung zurück reflektiert und „auf das innere“ verweist. Der scheinbar flüssige Skulpturenkörper erweist sich als gelungener Gegenspieler zur strengen Architektur. Sein unauffälliges Erscheinungsbild korrespondiert mit einer Vielzahl von Deutungsmöglichkeiten.

3. Preis: Tarnzahl 1022

Künstlername Heike Wiermann

Titel Zweite Reihe

Begründung der Jury:
Die Arbeit Kreislauf – Austausch – Netzwerk reflektiert zum einen die architektonische Geometrie des Gebäudes, indem sie die Fensterbänderung aufnimmt und mit künstlerischem Mittel fortschreibt. Zugleich wird ein Interface geformt, durch das die Daten- und Informationsbahnen innen und außen transportiert werden. Die Verschmelzung von Architektur und Kunst wird bei dieser Arbeit in intelligenter Art und Weise zur Geltung gebracht.

Künstlerische Position (Auszug):
„Kreislauf, Austausch, Netzwerk“ sind Begriffe, die zum einen biologische und soziale Grundlagen beschreiben als auch Merkmal einer Stadt, dem Klinikum oder der Transfusionszentrale im Speziellen sind. Diese Kreisläufe „arbeiten“ zumeist im Verborgenen und sollen hier auf einem „Display“ sichtbar gemacht werden. Die Flächen aus rückseitig bedrucktem (transparentem) Acrylglas lehnen sich an die Struktur des Hauses an, sie verbinden die mäandernden Fensterbänder optisch. Sie erscheinen zunächst wie losgelöste Malerei, werden aber durch den Schattenwurf der dunklen Bereiche auf die dahinterliegende Fassade zu einem Teil des Hauses. Sie sind vor allem inhaltlich Teil des Hauses: Es werden die Kreisläufe im Inneren des Hauses aufgespürt und im dreidimensionalen CAD-Modell maßstabsgetreu eingebaut. Dies können sein: Strom-, Daten-, Telefonleitungen, Wege, Lüftungen, Transportwege. Auf diese Weise entsteht eine Struktur der „zweiten Reihe“ - sichtbar gemacht durch ein virtuelles Licht im Inneren, welches das Konstrukt so beleuchtet, dass sich die Schatten auf dem „Display“ abbilden. Die auf diese Weise erzeugte Struktur wird auf die exakt positionierten Acrylglasplatten gedruckt. Die Installation kann als Fenster und Blick nach innen interpretiert werden, auf die inhaltlichen Voraussetzungen des Gebäudes, seiner Funktionsweise und Einbindung in eine nach außen verborgene Struktur.

 

 

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